28.04.26 - Die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten führen erneut vor Augen, wie fragil Energiemärkte sind. Steigende Preise für Öl und Gas treffen Wirtschaft und Verbraucher unmittelbar. In Deutschland fällt diese Entwicklung in eine Phase tiefgreifender Transformation – und verstärkt eine Sorge, die längst in den Chefetagen angekommen ist: die schleichende Deindustrialisierung eines Standorts, der sich seine Energie zunehmend nicht mehr leisten kann.

Denn die Zahlen sind eindeutig. Deutschland gehört zu den Hochpreisstandorten für Strom. Für Haushalte liegen die Preise bei 30 bis 40 Cent pro Kilowattstunde, die Industrie zahlt – trotz staatlicher Entlastungen – vielfach ein Vielfaches dessen, was Wettbewerber in den USA oder Asien aufbringen müssen. Gleichzeitig steigen die systemischen Kosten weiter: Der Netzausbau wird auf mehr als 500 Milliarden Euro geschätzt, jährlich fallen Milliardenbeträge für Eingriffe zur Stabilisierung des Stromnetzes an.

Diese Entwicklung ist kein Übergangsproblem. Sie ist systembedingt.

Der Ausbau erneuerbarer Energien folgt einem politischen Zielbild, aber keiner stabilen Systemlogik. Wind und Sonne liefern Energie nicht dann, wenn sie gebraucht wird, sondern wenn sie verfügbar ist. Die Folge ist ein Stromsystem, das permanent ausbalanciert werden muss – technisch anspruchsvoll und ökonomisch teuer. 2023 kam es in Deutschland an mehr als 300 Stunden zu negativen Strompreisen, während in Mangelsituationen teure Ausgleichsenergie beschafft werden musste.

Der zentrale Engpass bleibt jedoch ungelöst: die Speicherung.

Der tägliche Strombedarf Deutschlands liegt bei rund 1,5 bis 2 Terawattstunden. Um eine einzige windstille Winternacht zu überbrücken, wären Speicherkapazitäten erforderlich, die um Größenordnungen über dem liegen, was heute verfügbar ist. Selbst optimistische Kostenschätzungen für Batteriespeicher führen zu Investitionsvolumina im Bereich von mehreren hundert Milliarden Euro – für wenige Stunden Versorgungssicherheit. Eine Absicherung über Tage oder Wochen hinweg würde Kosten in der Größenordnung von Billionenbeträgen nach sich ziehen.

Mit anderen Worten: Die Idee eines vollständig elektrisch abgesicherten Energiesystems scheitert derzeit weniger an der Technologie als an der ökonomischen Realität.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Analyse von Wolfgang Reitzle besonders pointiert. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 26. April 2026 vergleicht er das Energiesystem mit einer Fabrik, „von der niemand weiß, wann sie wie viel produziert“. Es fehlt an einer verlässlichen Output-Logik – und damit an der Grundlage für industrielle Planung.

Sein Vorwurf trifft den Kern: Die Energiewende folgt ambitionierten Zielbildern, aber keiner konsistenten Systemarchitektur. Hohe Preise, zunehmende Komplexität und fehlende Prioritätensetzung sind die Folge.

Reitzles Forderung nach Technologieoffenheit ist daher keine ideologische Gegenposition, sondern eine systemische Notwendigkeit. Ein belastbares Energiesystem braucht Diversität. Sein Vorschlag eines ausgewogenen Verhältnisses von erneuerbaren Energien und grundlastfähigen Kapazitäten verweist auf das eigentliche Ziel: Verlässlichkeit zu vertretbaren Kosten.

Auch sein Hinweis, den Ausbau der Erneuerbaren vorübergehend zu stabilisieren, bis Netze, Speicher und industrielle Prozesse nachgezogen haben, ist weniger Rückschritt als Ausdruck eines systemischen Denkens, das derzeit weitgehend fehlt.

Hinzu kommt ein weiterer blinder Fleck: die Resilienz. Industrieländer sichern ihre Energieversorgung traditionell durch strategische Reserven über Wochen hinweg. Für ein weitgehend elektrisches System existiert bislang kein überzeugendes Konzept, wie eine vergleichbare Absicherung aussehen soll.

Damit wird ein grundlegender Widerspruch sichtbar. Ein System, das zu den teuersten weltweit zählt, zugleich aber weder bei Versorgungssicherheit noch bei den Emissionen zur Spitzengruppe gehört, bleibt hinter seinen eigenen Ansprüchen zurück. Mit rund 350 bis 400 Gramm CO₂ pro Kilowattstunde liegt Deutschland im europäischen Vergleich weiterhin im hinteren Feld.

Die Konsequenz daraus ist klar: Ein „Weiter so“ führt tiefer in ein System, dessen Kosten steigen, während seine Leistungsfähigkeit hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Die Energiewende ist kein Ausbauprojekt, sondern eine Systemaufgabe. Wer sie erfolgreich gestalten will, muss sich von einseitigen Zielbildern lösen und zu einer Strategie finden, die Physik, Kosten und Versorgungssicherheit gleichermaßen ernst nimmt.

Andernfalls droht sie, von einem Transformationsprojekt zu einem strukturellen Standortnachteil zu werden.

Die Energiewende am Abgrund

Von Christian Elvers

Ein teures System ohne stabile Grundlage: Volatilität, Speicherdefizite und steigende Kosten gefährden Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit.

Von Christian Elvers