26.04.26 - Es ist ein vertrautes Muster der deutschen Politik: Man errichtet Begriffe wie Bollwerke, versieht sie mit moralischer Wucht – und hofft, dass sie der Realität standhalten. „Brandmauer“ ist ein solcher Begriff. Er klingt nach Klarheit, nach Entschlossenheit, nach Schutz. Doch bei nüchterner Betrachtung ist er vor allem eines: eine politische Illusion – und nicht selten auch ein Ausdruck von Heuchelei.

Wenn ausgerechnet Wolfgang Kubicki diesen Begriff infrage stellt, dann geschieht das nicht aus bloßer Lust an der Provokation. Als profilierter Kopf der FDP weiß er, dass politische Auseinandersetzung nicht durch Abgrenzungsrhetorik ersetzt werden kann.

Ein Blick auf die SPD zeigt, wie tief das Problem reicht. Gerade dort ist die Abwanderung von Wählern zur Alternative für Deutschland seit Jahren spürbar. Eine Entwicklung, die politisch brisant ist – und über die dennoch erstaunlich selten offen gesprochen wird.

Stattdessen dominiert eine andere Reaktion: moralische Etikettierung. Wer die AfD wählt, wird pauschal in eine Ecke gestellt, die jede Differenzierung unmöglich macht. Das mag kurzfristig das eigene Selbstbild stabilisieren. Politisch jedoch ist es fatal.

Denn wer Millionen Wählerinnen und Wähler pauschal abstempelt, verliert nicht nur den Zugang zu ihnen – er treibt sie weiter weg.

Das bedeutet nicht, dass es keine klaren Grenzen geben sollte. Figuren wie Björn Höcke stehen für Positionen und ein Auftreten, das in einer liberalen Demokratie zu Recht auf entschiedenen Widerspruch stößt. Doch gerade hier zeigt sich die Schwäche der Brandmauer-Logik.

Denn sie erzeugt einen paradoxen Effekt: Sie stärkt genau jene, die sie schwächen soll.

Wer sich dauerhaft ausgegrenzt sieht, kann sich in dieser Rolle einrichten. Die Brandmauer wird dann nicht mehr als Barriere wahrgenommen, sondern als Schutzschild – als Beleg dafür, „nicht gehört zu werden“, als Bestätigung des eigenen Narrativs. Radikale Akteure profitieren davon, weil sie sich hinter dieser Inszenierung verschanzen können.

Die politische Auseinandersetzung wird so ersetzt durch symbolische Distanz. Und genau das ist das Problem.

Eine Demokratie muss mehr leisten. Sie muss widersprechen, entlarven, argumentieren. Sie muss Unterschiede benennen, ohne pauschal zu verurteilen. Und sie muss vor allem eines tun: die eigenen Versäumnisse ernst nehmen.

Denn die Abwanderung von Wählern ist kein Zufall. Sie ist ein Symptom.

Wer sie ignoriert oder moralisch überhöht, wird sie nicht aufhalten. Im Gegenteil: Er verstärkt sie. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, die AfD politisch zu stellen – nicht durch Ausgrenzung allein, sondern durch inhaltliche Auseinandersetzung. Durch das Offenlegen von Widersprüchen, durch konkrete Politik, durch Glaubwürdigkeit.

Ein Verbot der Partei würde daran nichts ändern. Im Gegenteil: Es wäre, wie viele Juristen warnen, ein riskanter Schritt mit ungewissem Ausgang – und im Falle des Scheiterns eine massive Aufwertung für genau jene Kräfte, die man eindämmen will.

Die Brandmauer mag gut gemeint sein. Doch sie ersetzt keine Strategie.

Und vielleicht ist es genau das, was viele nicht wahrhaben wollen: Dass politische Probleme sich nicht wegmoralisierten lassen. Sondern nur durch eine Auseinandersetzung, die unbequem ist – aber notwendig.

Die Illusion

der Brandmauer

Von Christian Elvers

Kubicki hat recht: Wie politische Heuchelei die Falschen stärkt

Von Christian Elvers