03.05.26 - Der Minister will Biokraftstoffe steuerlich entlasten, im Idealfall vollständig. Auf den ersten Blick klingt das pragmatisch: Die Landwirtschaft braucht flüssige Kraftstoffe. Traktoren, Mähdrescher, Häcksler und Forstmaschinen lassen sich nicht kurzfristig elektrifizieren. Wer Klimaschutz im Agrarsektor ernst nimmt, muss deshalb über erneuerbare Dieselkraftstoffe sprechen.

Problematisch ist jedoch, dass Rainer pauschal von „Biokraftstoffen“ spricht. Damit wirft er sehr unterschiedliche Produkte in einen Topf: Biodiesel, Pflanzenölkraftstoff, Bioethanol und HVO. Diese Kraftstoffe unterscheiden sich fundamental bei Rohstoffen, Motoreignung, Klimawirkung und Schadstoffemissionen. Genau diese Unschärfe befeuert erneut die alte Tank-oder-Teller-Debatte.

Denn Biodiesel und Pflanzenölkraftstoff stehen, sofern sie aus Anbaubiomasse wie Raps hergestellt werden, mitten in der Flächenkonkurrenz. Ackerfläche ist endlich. Sie wird für Lebensmittel, Futtermittel, Naturschutz, Energiepflanzen, Photovoltaik und Klimaanpassung gebraucht. Wenn der Staat Kraftstoffe steuerlich privilegiert, die auf landwirtschaftlich erzeugten Rohstoffen beruhen, stellt sich zwangsläufig die Frage: Soll der Acker Menschen ernähren — oder Maschinen betanken?

Auch technisch sind Biodiesel und Pflanzenöl keine einfache Lösung. Biodiesel ist FAME und als Beimischung im normalen Diesel etabliert. B7 ist unproblematisch, weil der Biodieselanteil begrenzt ist. Als Reinkraftstoff oder in hohen Beimischungen ist FAME jedoch nur für entsprechend freigegebene Motoren geeignet. Moderne Dieselmotoren mit Common-Rail-Einspritzung, Dieselpartikelfilter, Abgasrückführung und SCR-Katalysator sind empfindliche Systeme. Sie sind nicht dafür konstruiert, beliebige Kraftstoffe zu verbrennen.

Noch deutlicher gilt das für Pflanzenölkraftstoff. Reines Rapsöl ist kein moderner Drop-in-Diesel. Es benötigt angepasste Motoren oder spezielle Umrüstungen. Viskosität, Kälteverhalten, Einspritzbild und Verbrennung unterscheiden sich erheblich von Diesel. Als breit einsetzbare Lösung für den heutigen landwirtschaftlichen Maschinenpark taugt Pflanzenöl daher nicht.

Die überzeugendere Antwort heißt HVO. HVO steht für Hydrotreated Vegetable Oil und ist kein klassischer Biodiesel, sondern ein paraffinischer Dieselkraftstoff nach DIN EN 15940. HVO ist dem fossilen Diesel in seinen Nutzungseigenschaften deutlich näher als FAME oder Pflanzenöl. In vielen modernen Dieselmotoren kann HVO100 eingesetzt werden, sofern der Hersteller den Kraftstoff freigegeben hat. Genau das macht ihn für die Landwirtschaft interessant: Der bestehende Maschinenpark kann klimafreundlicher betrieben werden, ohne sofort neue Fahrzeuge, neue Infrastruktur oder neue Betriebsabläufe zu benötigen.

Hinzu kommt ein Vorteil, der in der Debatte viel zu kurz kommt: HVO verbrennt schadstoffärmer. Es enthält praktisch keine Aromaten und kaum Schwefel, besitzt eine hohe Cetanzahl und kann dadurch Ruß, Partikel, Kohlenwasserstoffe und Kohlenmonoxid deutlich reduzieren. Besonders relevant ist das bei älteren landwirtschaftlichen Maschinen ohne moderne Abgasnachbehandlung. Auf Höfen, in Ställenähe, im Forst oder bei Erntearbeiten geht es nicht nur um CO₂-Bilanzen, sondern auch um die Luft, die Fahrer, Beschäftigte, Tiere und Anwohner unmittelbar einatmen.

Deshalb ist HVO nicht nur ein Klimaschutzinstrument, sondern auch ein Beitrag zu Arbeitsschutz und lokaler Luftreinhaltung. Gerade dort, wo Dieselmaschinen noch lange im Einsatz bleiben werden, kann ein sauberer paraffinischer Kraftstoff sofort Wirkung entfalten.

Diese Debatte berührt zugleich die Heizungsfrage. In meinem Artikel „Die blockierte Abkürzung zum Klimaschutz“ habe ich bereits beschrieben, dass erneuerbare flüssige Energieträger eine pragmatische Brücke für den Gebäudebestand sein können. Der Gedanke ist derselbe wie in der Landwirtschaft: Der schnellste Weg zu weniger Emissionen ist nicht immer der sofortige Austausch funktionierender Technik. Gerade dort, wo ein kompletter Systemwechsel technisch, finanziell oder organisatorisch schwierig ist, kann der bessere Energieträger schneller wirken als die perfekte Ideallösung.

Was für Traktoren, Forstmaschinen und kommunale Dieselfahrzeuge gilt, gilt im Grundsatz auch für Ölheizungen. Wenn ein erneuerbarer flüssiger Brennstoff fossiles Heizöl teilweise ersetzen kann, entsteht eine Abkürzung zum Klimaschutz — ohne sofortige Stilllegung, ohne soziale Überforderung und ohne politischen Kulturkampf um jede Heizung im Keller. Das ersetzt nicht Wärmepumpen, Gebäudesanierung oder Wärmenetze. Aber es ergänzt sie dort, wo der schnelle Umbau nicht realistisch ist.

Gerade deshalb sollte die Diskussion über HVO nicht künstlich auf Agrardiesel verengt werden. HVO zeigt, dass Klimaschutz im Bestand möglich ist: bei Maschinen, Motoren und Heizsystemen, die noch lange vorhanden sein werden. Wer diese Option ignoriert, macht Klimapolitik unnötig teurer, langsamer und konfliktträchtiger.

Minister Rainer hat also recht, wenn er sagt: Ohne Kraftstoff fährt kein Traktor. Aber daraus folgt nicht, dass jeder Biokraftstoff steuerlich belohnt werden sollte. Eine moderne Förderung muss unterscheiden: zwischen problematischen Kraftstoffen aus Anbaubiomasse und technisch hochwertigen erneuerbaren Dieselkraftstoffen; zwischen nostalgischer Biokraftstoffpolitik und praxistauglicher Dekarbonisierung.

Die Steuerentlastung sollte deshalb nicht pauschal für „Biokraftstoffe“ gelten, sondern gezielt für HVO100 und vergleichbare hochwertige paraffinische Kraft- und Brennstoffe. Das wäre technologieoffen im besten Sinne: nicht beliebig, sondern anspruchsvoll. HVO verbindet hohe CO₂-Minderung, breite technische Kompatibilität und geringere lokale Schadstoffemissionen.

Wer diese Unterschiede verwischt, holt die Tank-oder-Teller-Debatte zurück. Wer sie klar benennt, kann Klimaschutz, Luftreinhaltung, Landwirtschaftspraxis und die Entschärfung der Heizungsdebatte miteinander verbinden.

HVO ist damit nicht nur ein besserer Agrardiesel. Es ist der Beweis, dass Klimaschutz auch über intelligente Energieträger gelingen kann — ohne jeden Motor, jede Maschine und jede Heizung sofort zum politischen Problemfall zu erklären.

HVO statt Biokraftstoff-Romantik

Der Vorstoß von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer zur Steuerfreiheit für Biokraftstoffe klingt nach Klimaschutz — doch wer Biodiesel, Pflanzenöl und HVO in einen Topf wirft, holt die Tank-oder-Teller-Debatte zurück. Die bessere Antwort heißt: HVO als sauberer Brückenkraftstoff für Landwirtschaft, Bestandstechnik und Heizungsdebatte.

Von Christian Elvers