Deutschlands blinder Fleck bei der Notstrom-Versorgung

Während KI-Rechenzentren mit praktisch kugelsicheren Stromkonzepten entstehen, bleibt die stille Infrastruktur vielerorts verwundbar: Wasser, Abwasser, Pumpwerke und Hebeanlagen entscheiden im Krisenfall darüber, ob Städte weiter funktionieren – oder ob der Stromausfall im Keller ankommt.

Von Christian Elvers

08.05.26 - Während durch den Boom der Künstlichen Intelligenz Rechenzentren wie Pilze aus dem Boden schießen – mit Stromversorgungskonzepten, die im übertragenen Sinne nahezu kugelsicher sind –, gibt es außerhalb der Blaulichtfraktion in Deutschland große weiße Flecken bei der Notstromvorsorge. Dort, wo Infrastruktur unsichtbar arbeitet, aber im Ausfall sofort existenziell wird: bei Wasser, Abwasser, Pumpwerken, Hebeanlagen und kommunaler Daseinsvorsorge.

Wenn die stille Infrastruktur ausfällt

Das ist die unbequeme Wahrheit hinter der schönen neuen Resilienzrhetorik. Deutschland redet über Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Cloud-Standorte, Datenökonomie und industrielle Transformation. Wer ein modernes Rechenzentrum baut, plant selbstverständlich redundant: Netzanschlüsse, unterbrechungsfreie Stromversorgung, Batterien, Dieselgeneratoren, Lasttests, Kraftstoffmanagement, Monitoring. Dort darf nichts ausfallen, denn Daten sind Geld, Rechenleistung ist Wettbewerbsfähigkeit, Verfügbarkeit ist Geschäftsmodell. Aber was ist mit den Pumpen, die verhindern, dass Abwasser zurückdrückt? Was ist mit den Hebeanlagen, die tieferliegende Stadtteile, Unterführungen, Keller, Gewerbeflächen und ganze Quartiere entwässern? Was ist mit Wasserwerken, Druckerhöhungsanlagen, Hochbehältern, Kläranlagen, Schiebern, Fernwirktechnik und Steuerungen? Was ist mit der Infrastruktur, die nicht blinkt, nicht glänzt und nicht in Hochglanzbroschüren zur digitalen Zukunft auftaucht – aber darüber entscheidet, ob ein Haus bewohnbar bleibt?

Nicht nur Blaulicht ist systemrelevant

In Deutschland gibt es für Stromausfälle ein eingeübtes Bild: Blaulicht. Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Leitstellen, Krankenhäuser. Diese Einrichtungen stehen zu Recht im Zentrum der Notfallplanung. Sie sind sichtbar, unmittelbar, lebensrettend. Doch genau darin liegt die Gefahr. Wer Resilienz nur von der Einsatzorganisation her denkt, übersieht die Systeme, die im Hintergrund dafür sorgen, dass eine Gesellschaft überhaupt einsatzfähig bleibt. Denn wenn der Strom lange genug weg ist, fällt nicht nur das Licht aus. Dann fällt die Logik der Stadt aus.

72 Stunden als Lackmustest kommunaler Resilienz

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, kurz BBK, ist die zentrale Bundesbehörde für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Es hat nach eigener Darstellung den gesetzlichen Auftrag, die Bevölkerung im Verteidigungsfall zu schützen, sensibilisiert aber darüber hinaus auch für Vorsorge gegenüber Krisen- und Katastrophenlagen. Gerade diese Behörde beschreibt Stromausfälle nicht als bloßes Komfortproblem, sondern als Lage, die alle Kritischen Infrastrukturen treffen kann. Das BBK nennt bei einem langanhaltenden, großflächigen Stromausfall ausdrücklich Bereiche wie Wasser- und Abwasserversorgung, Lebensmittelversorgung, Krankenversorgung und Gefahrenabwehr. Außerdem formuliert es für KRITIS-Betreiber die Erwartung, dass Notstromversorgung mindestens 72 Stunden ohne externe Nachbetankung funktionieren soll. Diese 72 Stunden sind mehr als eine technische Kennzahl. Sie sind ein politischer Lackmustest. Wer drei Tage ohne externe Hilfe durchhalten kann, verschafft Krisenstäben Zeit. Wer nach wenigen Stunden an Kraftstoff, Aggregaten, Personal, Schaltplänen oder Prioritäten scheitert, wird selbst zum Teil der Krise.

Abwasser: die verdrängte Kritische Infrastruktur

Besonders deutlich wird das beim Abwasser. Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall, kurz DWA, hat 2024 das Merkblatt DWA-M 320 zur „Sicherstellung der Abwasserentsorgung bei Stromausfall“ veröffentlicht. Es soll Betreibern abwassertechnischer Anlagen helfen, sich systematisch auf Stromausfälle vorzubereiten. Schon die Existenz eines solchen Merkblatts zeigt: Das Thema ist keine theoretische Schwarzmalerei. Es ist fachlich relevant, praktisch bekannt und sicherheitspolitisch unterschätzt. Abwasser ist die vielleicht am meisten verdrängte Kritische Infrastruktur. Solange alles funktioniert, ist sie unsichtbar. Erst wenn sie ausfällt, versteht jeder ihren Wert. Dann wird aus einem technischen Problem ein hygienisches, wohnungswirtschaftliches, ökologisches und soziales Problem. Wenn Pumpwerke ausfallen, kann Abwasser nicht mehr dorthin transportiert werden, wo es behandelt werden soll. Wenn Hebeanlagen stillstehen, können tieferliegende Bereiche nicht mehr entwässert werden. Wenn Rückstau entsteht, kommt das Problem nicht als abstrakte Meldung aus dem Lagezentrum – es kommt durch den Bodenablauf, die Dusche, das WC, den Keller.

Wenn das Problem durch den Bodenablauf kommt

Das ist der Punkt, an dem Infrastrukturpolitik sehr konkret wird. Eine Wohnung, in die Abwasser eindringt, ist nicht nur beschädigt. Sie kann binnen kurzer Zeit unbewohnbar werden. Ein Mehrfamilienhaus mit überfluteten Kellern, ausgefallener Haustechnik und kontaminierten Räumen ist kein Randproblem mehr. Eine Stadt, in der Abwasser nicht mehr zuverlässig abfließt, hat nicht nur ein Entsorgungsproblem, sondern ein Problem der öffentlichen Ordnung.

Resilienz ist kein Gerät – Resilienz ist ein System

Die DWA beschreibt ihr Merkblatt ausdrücklich als Arbeitshilfe, mit der Betreiber die Energieversorgung ihres Abwasserentsorgungssystems bewerten und Maßnahmen zur Erreichung eines angestrebten Sicherheitsniveaus entwickeln können. Genau darin steckt die eigentliche Zumutung: Es gibt nicht „die“ eine Notstromlösung. Es gibt Netze, Topografien, Pumpwerke, Rückhaltebecken, Kläranlagen, mobile Aggregate, stationäre Aggregate, Treibstoffkonzepte, Personalpläne, Prioritätenlisten und Übungsszenarien. Resilienz ist kein Gerät. Resilienz ist ein System. Und dieses System muss ehrlich bilanziert werden. Nicht irgendwann. Jetzt. Denn Deutschland hat sich zu lange in der Annahme eingerichtet, Strom sei immer da. Diese Annahme war bequem, aber sie war nie naturgesetzlich. Extremwetter, Cyberangriffe, Sabotage, Netzinstabilitäten, regionale Störungen, technische Defekte, geopolitische Spannungen: Die Liste möglicher Ursachen ist lang. Man muss kein Blackout-Prophet sein, um festzustellen, dass eine moderne Gesellschaft mit hohem Elektrifizierungsgrad eine saubere Antwort auf die Frage braucht, was passiert, wenn Strom nicht nur Minuten, sondern Stunden oder Tage fehlt.

Trinkwasser braucht mehr als Leitungen

Das gilt auch für Trinkwasser. Viele Bürgerinnen und Bürger stellen sich Wasserversorgung als etwas Einfaches vor: irgendwo ein Wasserwerk, irgendwo Rohre, irgendwo ein Hahn. Tatsächlich ist Trinkwasserversorgung ein komplexes System aus Förderung, Aufbereitung, Speicherung, Druckhaltung, Steuerung, Messung und Verteilung. Je nach Region können Hochbehälter eine Zeit lang helfen. Aber auch sie lösen nicht jedes Problem. Wo Pumpen, Druckerhöhungsanlagen, Steuerungen oder Desinfektionsprozesse stromabhängig sind, wird aus einem Stromausfall schnell eine Frage der Versorgungssicherheit. Dabei ist Wasser nicht irgendein Gut. Ohne Strom kann man eine Zeit lang improvisieren. Ohne Trinkwasser wird Improvisation sehr schnell zur Krise. Ohne funktionierende Abwasserentsorgung wird sie zur Zumutung. Deshalb ist der Vergleich mit Rechenzentren so aufschlussreich. Natürlich muss ein Rechenzentrum hochverfügbar sein. Natürlich brauchen digitale Infrastrukturen Notstrom. Niemand bestreitet das. Aber die Prioritätensetzung einer Gesellschaft zeigt sich daran, welche Systeme sie mit größter Sorgfalt absichert – und welche sie dem Prinzip Hoffnung überlässt. Für Serverräume planen wir Redundanz. Für Abwasserpumpen oft nur Zuständigkeit. Das ist zu wenig.

Ein Aggregat im Bauhof reicht nicht

Es reicht nicht, dass irgendwo im Bauhof ein mobiles Aggregat steht. Es reicht nicht, dass eine Liste existiert. Es reicht nicht, dass im Notfall „die Feuerwehr“ schon irgendetwas tun wird. Ein ernstzunehmendes Notstromkonzept beantwortet harte Fragen: Welche Anlagen sind kritisch? Welche müssen innerhalb von Minuten versorgt werden? Welche können einige Stunden ausfallen? Welche Aggregate passen elektrisch und mechanisch an welche Anlage? Sind Anschlussstellen vorhanden? Wer fährt das Aggregat? Wer darf schalten? Wie lange reicht der Kraftstoff? Wer tankt nach, wenn Tankstellen ebenfalls stromlos sind? Wurde der Betrieb unter Last getestet? Gibt es Ersatzteile? Gibt es Personal auch nachts, am Wochenende, bei Schnee, Hochwasser oder parallel laufenden Einsätzen?

Hier kommt ein zweiter blinder Fleck ins Spiel: Kraftstoff. Notstrom heißt in der Praxis häufig Diesel. Doch Diesel ist nicht gleich Diesel. Klassischer Diesel mit Biodieselanteil ist bei längerer Lagerung anspruchsvoll. Alterung, Wasseraufnahme, mikrobieller Befall und Qualitätsverluste können zum Problem werden. Genau deshalb lohnt der Blick auf HVO.

HVO: Speicherbare grüne Energie

HVO steht für Hydrotreated Vegetable Oil, also hydrierte Pflanzenöle beziehungsweise aus geeigneten Rest- und Abfallstoffen hergestellte paraffinische Dieselkraftstoffe. In Deutschland wurde paraffinischer Dieselkraftstoff nach DIN EN 15940 in die 10. Bundes-Immissionsschutzverordnung aufgenommen; das Bundesumweltministerium verweist darauf, dass solche Kraftstoffe als Reinkraftstoff für den Straßenverkehr zugelassen wurden. Die DWA weist in einer fachlichen Stellungnahme ebenfalls darauf hin, dass paraffinischer Dieselkraftstoff nach DIN EN 15940 in der 10. BImSchV aufgenommen wurde und an öffentlichen Tankstellen als XTL gekennzeichnet werden kann. Für die Notstromdebatte ist HVO nicht deshalb interessant, weil es alle Probleme löst. Das tut es nicht. Es braucht Freigaben, Qualitätsmanagement, Lieferketten und klare Beschaffung. Interessant ist HVO, weil es die Debatte aus der falschen Alternative herausführt: Entweder fossile Alttechnik oder schöne Theorie. Moderne Dieselgeneratoren können, sofern freigegeben, mit paraffinischen Kraftstoffen betrieben werden. Damit ließe sich eine robuste Notstromarchitektur mit einer klimatisch hocheffizienten Kraftstoffoption verbinden.

Vom rostenden Aggregat zur aktiven Resilienzreserve

Noch spannender wird es, wenn solche Anlagen nicht nur als stille Reserve betrachtet werden. Notstromaggregate stehen oft jahrelang herum, werden kurz getestet und sollen dann im Ernstfall funktionieren. Das ist kein überzeugendes Resilienzmodell. Technik, die im Notfall gebraucht wird, muss regelmäßig realitätsnah betrieben werden. Hier kommt der Netzparallelbetrieb ins Spiel.

Netzparallelbetrieb bedeutet vereinfacht: Ein Aggregat läuft nicht isoliert von der öffentlichen Stromversorgung, sondern synchronisiert mit dem Netz. Das ist technisch anspruchsvoll und regulatorisch kein Selbstläufer. Es braucht Schutztechnik, Genehmigungen, Netzanschlussregeln, Schaltkonzepte, Messung und Abstimmung mit dem Netzbetreiber. Aber gerade deshalb gehört die Frage auf den Tisch: Können kommunale Notstromanlagen so geplant werden, dass sie nicht nur im Katastrophenfall nutzbar sind, sondern regelmäßig unter Last getestet, gegebenenfalls für Spitzenlastmanagement eingesetzt oder perspektivisch netzdienlich eingebunden werden? Das wäre ein Paradigmenwechsel. Weg vom Aggregat als rostender Versicherungspolice. Hin zur aktiv betriebenen Resilienzreserve.

Natürlich darf man sich dabei nichts vormachen. Netzparallelbetrieb ist kein Freifahrtschein. Kritische Infrastruktur darf nicht dadurch verwundbarer werden, dass sie in Geschäftsmodelle gepresst wird. Notstrom bleibt zuerst Notstrom. Die Verfügbarkeit im Krisenfall darf nicht durch wirtschaftliche Optimierung gefährdet werden. Aber gerade deshalb sollte man die Debatte professionell führen – mit Ingenieuren, Netzbetreibern, Kommunen, Wasser- und Abwasserbetrieben, Katastrophenschutz, Beschaffung und Politik an einem Tisch.

Kommunale Resilienzberichte sind überfällig

Die eigentliche politische Forderung ist einfach: Deutschland braucht kommunale Resilienzberichte für Wasser und Abwasser. Nicht als Hochglanzpapier, sondern als belastbare Bestandsaufnahme. Jede Kommune sollte beantworten können, welche Anlagen stromkritisch sind, welche davon stationär abgesichert sind, wo mobile Aggregate vorgesehen sind, wie lange Kraftstoff reicht, welche Prioritäten im Mangelfall gelten, wann zuletzt unter Last getestet wurde und welche Abhängigkeiten von externer Treibstofflogistik bestehen. Das muss nicht bedeuten, jedes Detail öffentlich preiszugeben. Kritische Infrastruktur braucht Schutz vor Missbrauch. Aber demokratische Öffentlichkeit hat ein Recht auf die grundsätzliche Information, ob die Daseinsvorsorge im Krisenfall auf Planung oder auf Hoffnung beruht.

Hoffnung ist kein Notstromkonzept

Denn genau darum geht es: Hoffnung ist kein Notstromkonzept. Die KI-Rechenzentren der Zukunft werden kommen. Sie werden Strom brauchen, viel Strom. Sie werden abgesichert sein, weil Ausfall dort teuer ist. Aber eine Gesellschaft darf nicht nur dort robust sein, wo Ausfall Geld kostet. Sie muss vor allem dort robust sein, wo Ausfall Menschen trifft. Die Pumpe im Abwassernetz ist weniger glamourös als der Server im Rechenzentrum. Aber im Ernstfall ist sie mindestens genauso systemrelevant. Vielleicht sogar mehr. Denn Daten lassen sich sichern, replizieren, verschieben. Ein Keller voller Abwasser lässt sich nicht wegvirtualisieren.

Resilienz entscheidet sich nicht nur dort, wo Blaulicht blinkt. Sie entscheidet sich auch dort, wo Pumpen leise arbeiten. Wenn diese Pumpen stehen, steht mehr still als eine technische Anlage. Dann kippt der Alltag – im Bad, im Keller, im Trinkwassernetz, in der Straße und am Ende im Vertrauen in den Staat.